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Gedenken zum 40sten Todestag von Walter Vielhauer

Zum 40sten Todestag von Walter Vielhauer wurde an seinem Grab auf dem Heilbronner Friedhof gedacht. Die Rede von Konrad Wanner, der Walter Vielhauer persönlich kannte, ist hier dokumentiert:

Ansprache zum Gedenken an den 40. Todestag von Walter
Vielhauer, 19. April 2026
auf dem Friedhof Heilbronn, Konrad Wanner


Liebe Kolleg*innen, liebe Antifaschist*innen,
in diesem Jahr gedenken wir des 40. Todestages von Walter Vielhauer, der am
19. April 1986 im Alter von 77 Jahren gestorben ist.
Ich begrüße Euch im Namen des Freundeskreises Walter Vielhauer, der VVN
Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten und der Partei DIE LINKE Kreis
Heilbronn.
Vielen Dank Oberbürgermeister Harry Mergel, dass Sie, dass du dich wieder an
unserer Veranstaltung beteilitgst.
Unser Gedenken wird heute wieder von Silke Ortwein musikalisch umrahmt.
Sie vertritt die Kulturgruppe DIE MARBACHER, die seit über 50 Jahren mit ihrem
Engagement die Kämpfe der Friedensbewegung, der Gewerkschaften, der
antifaschistischen Gruppen und der Naturfreunde mit ihren kämpferischen
Liedern begleitet. Und seit einigen Jahren setzt Ihr Euch mit dem Lied zu Walter
Vielhauer für eine Würdigung seines Wirkens in Heilbronn ein. Stellvertretend
vielen Dank Silke für Eure Solidarität.
Liebe Antifaschist*innen,
der Blick zurück auf das Leben und Wirken von Walter Vielhauer ist die
Würdigung eines äußerst engagierten Lebens. Geboren 1909 in Reutlingen
wächst Walter in Heilbronn auf. Mit 14 Jahren beginnt er eine Ausbildung zum
Silberschmied in der Firma Bruckmann. Beim Bruckmann lernt Walter die
Organisationen der Arbeiterbewegung kennen und engagiert sich bald im
Deutschen Metallarbeiterverband, im kommunistischen Jugendverband und
tritt mit 21 Jahren in die KPD ein. Im Herbst 1932 fliegt er aus dem Betrieb und
nutzt die Zeit der Arbeitslosigkeit zum Besuch der Marxistischen Arbeiterschule
MASCH in Berlin. Dort erlebt er auch die Machtübernahme der Nazis am 30.
Januar 1933.
Schon im März 1933 gehört er zur ersten Gruppe von etwa 60 Kommunisten,
die in Heilbronn verhaftet wird. Abgesehen von 4 Monaten im Sommer 1933
bleibt Walter Vielhauer während der Jahre der faschistischen Herrschaft in
Deutschland inhaftiert. Zeitweise ist er in Einzelhaft, z.B. im Zuchthaus
Ludwigsburg, wird 1939 ins KZ Dachau gebracht und er erlebt seine schlimmste
Zeit in den 6 Monaten im KZ Mauthausen, weil dort die kriminellen Strukturen
in der Häftlingsverwaltung die Solidarität unter den Häftlingen verhindert.
Wieder zurück in Dachau wird Walter zusammen mit anderen
Widerstandskämpfern im Sommer 1944 zum Tode verurteilt. Die SS hat die
Häftlingsorganisation ausfindig gemacht, will die Todesurteile aber aus Angst
vor Unruhen nicht in Dachau vollziehen. Sechs Antifaschisten werden nach
Buchenwald verlegt – als sie dort ankommen, ist das der Widerstandsgruppe
schon bekannt und es gelingt, die Dachauer zu verstecken. Walter wird Kapo
der Effektenkammer, in der das jüdische Kind Stefan Jerzy Zweig vor der SS
versteckt wird. Vor kurzem ist bekannt geworden, dass Jerzy im Alter von 83
Jahren gestorben ist. Lange Zeit war Willi Bleicher in Buchenwald persönlich für
den Schutz des kleinen jüdischen Kindes verantwortlich. Als Willi Bleicher im
Oktober 1944 im Weimarer Polizeigefängnis schwerstens gefoltert wird und
nicht mehr ins KZ zurückgebracht wird, wird Walter Vielhauer die Betreuung
Jerzys übertragen. Zeit seines Lebens hat Walter nie über seinen persönlichen
Anteil an der Rettung des jüdischen Kindes gesprochen. Erst an seinem Grab
hat Emil Carlebach Walters persönlichen Verdienst geschildert. In der Literatur
bleibt das bis heute unerwähnt.
Am 11. April 1945 gelingt es der Widerstandsorganisation mit erbeuteten
Waffen, die SS von der Räumung des KZs Buchenwald abzuhalten und der
amerikanischen Armee die Betreuung des Lagers mit immer noch über 20.000
Häftlingen zu übertragen.
Fast 12 Jahre hat Walter Vielhauer in Gefängnissen und Konzentrationslagern
verbringen müssen. Der SS und den Nazis ist es nicht gelungen, auch nicht mit
körperlicher Gewalt und Folter, den Gewerkschafter und Kommunisten zu
brechen. Wenn heute wieder versucht wird, das Engagement gerade der
kommunistischen Widerstandskämpfer erneut zu verunglimpfen, so ist das der
Versuch, die antifaschistischen Kämpfe zu spalten. Deren Widerstand
bedeutete, 12 Jahre lang einem mörderischen Regime zu widerstehen, Terror,
Folter und Mord zu entgehen. Wir können es uns nicht im Geringsten
vorstellen, was dieser jahrelang Kampf bedeutet hat.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Heilbronn engagiert sich Walter beim
Wiederaufbau der Gewerkschaften und wird Mitbegründer der ÖTV. Die
amerikanische Militärverwaltung setzt ihn als Dezernenten bzw. Bürgermeister
für Wohnungswirtschaft, Arbeitsverwaltung und soziale Angelegenheiten bei
OB Beutinger ein. Später wechselt Walter als Stadtrat der KPD in den
Heilbronner Gemeinderat, aus dem er 1958 aufgrund des KPD-Verbotes wieder
ausscheiden muss. Die alten Machtverhältnisse werden wieder hergestellt –
Walter findet in Heilbronn keine Arbeit. In Fulda kann er von 1957 bis 1964 in
den Mehler-Werken arbeiten, die Dr. Walter Bauer gehören. Der Heilbronner
Walter Bauer, ein Mitstreiter der Bekennenden Kirche und CDU-Mitglied, ist
mit Walter Vielhauer befreundet und ermöglicht ihm 1964 die Rückkehr nach
Heilbronn durch eine Anstellung in der Fa. Haakh.
In den folgenden Jahren widmet sich Walter mit ganzer Kraft dem Kampf für
Frieden und gegen Hochrüstung, tritt immer wieder bei Aktionen gegen alte
und neue Nazis auf und gründet 1968 mit anderen jungen und alten
Kommunisten die DKP.
Heute, 40 Jahre nach seinem Tod, kämpfen wir immer noch um eine öffentliche
Würdigung des Lebens und Wirkens von Walter Vielhauer. Ich zitiere aus dem
Buch „Anpassung und Widerstand“ des Stuttgarter Lehrers und
Internetprotagonisten Joo Peter, in dem er Vielhauers Rolle in seinem Internet-
Projekt „Zeitsprünge“ folgendermaßen beschreibt:
„Walter Vielhauer war eine Legende des Heilbronner Widerstandes, war fast 12
Jahre in Haft, die meiste Zeit davon im KZ.“ Joo Peter beendet seinen
mehrseitigen Beitrag mit den Sätzen: „ Immer wieder wurde vorgeschlagen,
einen Straßennamen in Heilbronn nach Walter Vielhauer zu benennen.“
Wir freuen uns, dass es im Gemeinderat eine Vorlage zur Umbenennung von
Straßen in Heilbronn gibt. Es sollen Straßennamen von Menschen, die in der
NS-Zeit mit den Nazis kollaboriert haben, durch Namen von Menschen ersetzt
werden sollen, die sich gegen die faschistische Diktatur engagiert haben oder
verfolgt wurden. Einer dieser Namen ist Walter Vielhauer. Wir unterstützen
dieses Vorhaben.
Besonders freuen wir uns, dass das Stadtarchiv den Vorschlag von Anneliese
Fleischmann-Stroh aufgegriffen hat, die Verlegung eines Stolpersteins für
Walter Vielhauer zu veranlassen. Am Freitag 22. Mai wird vor seinem
langjährigen Wohnhaus in der Mainhardter Strasse 3 dieser Stolperstein verlegt
werden. Vermutlich wird diese Verlegung am Nachmittag gegen 14 Uhr
stattfinden.


Liebe Antifaschist*innen,
wir erleben in jüngster Zeit die rasante Wiederbelebung des deutschen
Militarismus. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine wird verstärkt
aufgerüstet. Fast täglich werden neue Rüstungsvorhaben veröffentlicht, die
Diplomatie und das Drängen auf Verhandlungen werden als Anbiedern an
Russland verteufelt. Statt sich um einen Frieden auf diplomatischem Wege zu
bemühen, werden Waffen in Milliardenhöhen in die Ukraine gepumpt – haben
diese Militärhilfen den Krieg um eine Minute verkürzt?
Die USA und Israel haben Ende Februar mit massiven Bombenangriffen
versucht, den Iran in die Steinzeit zu bomben. Der Krieg um das Öl hat eine
neue Dimension erreicht - über 4000 Menschen sind im Iran ums Leben
gekommen, Millionen Menschen auf der Flucht, die ökonomischen Folgen
dieses Krieges sind noch nicht absehbar. Israel führt im Libanon einen
bestialischen Krieg, angeblich um die Hisbollah auszuschalten, tötet Hunderte
von Zivilisten und treibt Millionen im Libanon in die Flucht. Zuvor hat Israel
nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 das gesamte
Gazagebiet in Schutt und Asche gelegt, zig Tausende Menschen getötet,
darunter zahllose Kinder.
Wer im letzten September im Arthauskino in Heilbronn den Film „No other
land“ gesehen hat, wurde Zeuge einer menschenverachtenden Politik einer
Israelischen Regierung, die besonders auch durch das Gewähren lassen der
militanten Siedler alle Bemühungen um eine Friedenslösung zwischen jüdischer
und arabischer Bevölkerung torpediert.
Die Antifaschisten und Widerstandskämpfer in den KZs Hitlerdeutschlands
haben sich immer auch für die Solidarität mit den besonders schlimm
verfolgten jüdischen Menschen eingesetzt, wie ich schon vorher mit der
Rettung des jüdischen Kindes in Buchenwald geschildert habe. Zu diesem
Vermächtnis gehört für uns antifaschistische Nachkommen auch das klare
Bekenntnis, jedem Antisemitismus im heutigen Deutschland entgegen zu
treten. Das bedeutet jedoch, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und
völkerrechtswidrigen Angriffskriegen ebenso energisch entgegen zu treten.
In dieser Situation ist die Erinnerung an Friedenskämpfer wie Walter Vielhauer
ein Kontrastprogramm. Wir Antifaschist*innen warnen mit dem Hintergrund
dieser Erinnerung an die Folgen von Aufrüstung und Krieg, wie sie Heilbronn
mit der Zerstörung der Innenstadt am 4.12.1944 erlebt hat. Die Forcierung
militärischer Aufrüstung ist dabei eng mit der Zurückdrängung demokratischer
Rechte, mit massivem Sozialabbau und dem Erstarken rechtsextremer und
faschistischer Gruppen und Parteien verbunden. Der Kampf gegen die AfD,
gegen Sozialabbau und der Kampf gegen die Hochrüstung gehören zusammen.
Die überlebenden Antifaschist*innen haben uns 1945 als Schlussfolgerung aus
12 Jahren Nazidiktatur und 6 Jahren Krieg folgenden Satz als Vermächtnis für
Deutschlands Zukunft mit auf den Weg gegeben:
Nie wieder Faschismus!
UND:
Nie wieder Krieg!
Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit!
Konrad Wanner, 19. April 2026