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Meldungen & Presse

Ehemalige Häftlingskantine des KZ Buchenwald mit Blick durch den Sicherheitszaun (2019, Quelle: Wikipedia).

75 JAHRE BEFREIUNG

Wir veröffentlichen den Artikel der Jungen Welt vom 11.4.2020 zum 75. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald auf unserer Homepage. Da momentan eine eigene Veranstaltung zu diesem Thema nicht stattfinden kann, wollen wir zumindest auf diesen lesenswerten Artikel verweisen. Eventuell können wir eine entsprechende Veranstaltung/Aktion für die zweite Hälfte 2020 nachholen. Wichtig genug ist die Erinnerungsarbeit auch weiterhin.

75 JAHRE BEFREIUNG. Erinnerung und Vermächtnis. Vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Buchenwald befreit – von den Häftlingen selbst. Das wird seit 1990 bestritten.

Von Günter Pelzl in Junge Welt: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 12 / Thema

Vor mir liegt ein kleines, vergilbtes Buch. Umschlag und Vorsatzblatt fehlen. Eigenartigerweise beginnt es mit der Seitenzahl fünf. Der Titel ist lapidar: »Bericht des internationalen Lagerkomitees Buchenwald«. Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, was es mit den fehlenden vier Seiten auf sich hat. Dort stand ursprünglich das Vorwort. Es war herausgelöst worden. Der Verfasser war in Ungnade gefallen: Zu Unrecht beschuldigt, 1951 von einem sowjetischen Militärgericht als angeblicher Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt und im August 1952 in einem Arbeitslager in Workuta in der Sowjetunion gestorben. Sein Name: Ernst Busse, Metallarbeiter und Kommunist aus Solingen, Lagerältester und Funktionshäftling, sogenannter Kapo, im Krankenbau im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Busse war anonym beschuldigt worden. Es hieß, er habe sich an der Tötung von Häftlingen durch Giftinjektionen beteiligt und sei indirekt für den Tod zweier sowjetischer Genossen verantwortlich. Eine Untersuchungskommission der SED kam am 7. November 1946 zu dem Ergebnis, »dass der Genosse Busse im Sinne der gegen ihn erhobenen konkreten Anklagen nicht als schuldig anzusehen ist«.¹ Ernst Busse wurde trotzdem politisch »kaltgestellt«. 1950 wurde er schließlich nach Berlin-Karlshorst zu einer Besprechung einbestellt, und dort von Mitarbeitern des sowjetischen Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) verhaftet.

Niederträchtig und schändlich
75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945 scheint es mehr als angebracht, aus dem Bericht des Lagerkomitees zu zitieren. Es ist hier nicht der Ort, stilistische Feinheiten zu diskutieren, der Inhalt ist von Bedeutung, denn er deutet auf erschreckende Weise in unsere heutige Zeit:

»Lange, ehe die Nazis zur Macht kamen, traten die Kommunisten auf den Plan und warnten das Volk vor der Hitlerclique. Denn wir wussten, dass Hitler Krieg und Not, Elend und Chaos bedeuten würde. ›Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!‹ Das sagten wir 1932 dem deutschen Volk. Aber unsere Warnungen verhallten ungehört, und wo sie gehört wurden, da wurden sie nicht verstanden. Als dann die Nazis an die Macht kamen, als sie immer unverhüllter und frecher ihre blutige Fratze zeigten, da verkrochen sich Millionen aus Angst vor dem Naziterror. Das Gespenst des Konzentrationslagers lag wie ein dunkler Schatten über ganz Deutschland. Nur ein kleiner Teil des Volkes blieb aufrecht. (…)

Heute gibt es viele Menschen in Deutschland, die erklären: ›Wir haben es nicht gewusst. Wir wussten nichts von Buchenwald, von Auschwitz, von Sachsenhausen usw.‹ Aber die Thüringer wussten sehr genau, was Buchenwald war. Denn wenn man einen fragte, warum er sich nicht gegen das Verbrechertum der Nazis zur Wehr setzte, so antwortete er: ›Dann käme ich ja nach Buchenwald!‹ Die Angst vor Buchenwald steckte allen Thüringern in den Knochen. (…)

Das deutsche Volk hat sich nicht nur an den Besten in seinen eigenen Reihen vergangen, sondern darüber hinaus an allen Völkern Europas. Jedem erschien es als ganz selbstverständliches Recht, dass Deutschland Österreich annektierte, in die Tschechoslowakei einmarschierte und schließlich den Krieg an Polen, Frankreich, Belgien, Jugoslawien, Griechenland und Norwegen erklärte. Den Höhepunkt seiner Verbrechen erreichte Hitler mit dem hinterhältigen Überfall auf die Sowjetunion. (…) Und wie hat sich die deutsche Jugend, der deutsche Soldat im Ausland verhalten? Man könnte ganze Bände mit den Niederträchtigkeiten und Schandtaten ausfüllen, die von der deutschen ›Kulturnation‹ in den besetzten Gebieten begangen wurden. (…)

Es ist ein Wunder, dass die Soldaten der Roten Armee, die so Unendliches erduldet haben, deren Frauen von deutschen Bestien geschändet wurden, deren Eltern erschlagen und zu Tode gefoltert wurden, denen die Deutschen Hab und Gut raubten und ihre Wohnungen verbrannten – es ist ein Wunder, dass diese bis ins Innere aufgewühlten Menschen das deutsche Volk nicht ausradiert haben. Und wir schämen uns nicht, uns zu beschweren, wenn ein Rotarmist eine Uhr abnimmt oder sich in eine Wohnung setzt. Wir glauben, wir haben ein Recht darauf, dass er sich anständig benimmt. Wir Deutschen, die wir die Welt zu einem Dreckhaufen gemacht haben, die wir unsere Soldaten zum Morden und Rauben aufforderten, wir glauben, wir haben ein Recht, von diesen Beraubten noch etwas zu fordern. (…)

Wir deutschen Antifaschisten schämen uns dessen, was durch Deutschland geschehen ist, am meisten. Auch wir fühlen uns mitschuldig an dem vom deutschen Volk begangenen Verbrechen. Denn wir haben es nicht verstanden, das deutsche Volk, als es noch Zeit dazu war, zu entschlossener Abwehr gegen die Naziverbrecher zusammenzuschließen. Darum müssen auch wir Antifaschisten, die zwölf Jahre lang im Zuchthaus und Konzentrationslager Schweres erduldeten, mit opfern und die schweren Lasten tragen. (…)

Wiedergutmachen heißt aber heute, arbeiten und nochmals arbeiten am demokratischen Wiederaufbau Deutschlands. (…) Wir ehemaligen Buchenwälder Konzentrationäre rufen allen Thüringern zu: ›Helft mit, damit ein neues antifaschistisches demokratisches Deutschland aufgebaut wird.‹«

Das Vorwort und der Bericht des Lagerkomitees entstanden Anfang Juli 1945, wenige Wochen nach dem Ende des Hitlerregimes. Es war noch keine Zeit für neue Parteihändel und gegenseitige Abrechnungen. Aus den Worten spricht die innere Erregung des knapp dem Tode Entronnenen und der Zorn über eigene Fehler und Versäumnisse.

Mordfabrik
Rund eine Viertelmillion Menschen wurde zwischen Juli 1937 und April 1945 im Konzentrationslager Buchenwald gefangengehalten. Jeder fünfte Häftling starb; das sind nach heutigen Schätzungen mehr als 55.000 Menschen. Beschönigend als »Arbeitslager« bezeichnet war Buchenwald eine Mordfabrik, in der sich die Nazis ihrer Gegner – in erster Linie Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter – entledigten, nicht ohne sie vorher für faschistischen Kriegswahn und Rüstungsprofite bis auf den letzten Blutstropfen auszubeuten.

»Das Lager Buchenwald wurde in den ersten Jahren seiner Entstehung ausschließlich von reichsdeutschen Politischen, asozialen und kriminellen Elementen belegt«, heißt es im Bericht des Lagerkomitees. Am 15. Juli 1937 kamen die ersten 149 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen auf den Ettersberg bei Weimar an, unter ihnen 52 politische Häftlinge. Die Lagerstärke betrug im Dezember 1937 bereits 2.500 Häftlinge, darunter 1.500 Politische.² Am 15. Juni 1938 wurden die ersten 1.000 Juden im Lager interniert, im September weitere 2.200 Juden aus Österreich. Nach Kriegsbeginn 1939 kamen Tausende Polen, 1940 Niederländer und Belgier hinzu. Am 1. Juni 1941 waren 8.370 Häftlinge im KZ Buchenwald registriert. Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion wurden am 18. Oktober 1941 die ersten 2.000 bis zu Skeletten abgemagerten sowjetische Kriegsgefangenen eingeliefert. 1944 schließlich kamen Franzosen und ungarische Juden ins Lager.

Wie problematisch die Einteilung der Konzen­trationslager der Nazis in sogenannte Arbeits- und Vernichtungslager ist, zeigt der Umstand, dass in Buchenwald 700 sowjetische Kriegsgefangene an einem einzigen Tag durch Genickschuss in einer eigens dafür gebauten Anlage ermordet wurden. Mehr als 8.000 Kriegsgefangene aus der Sowjetunion wurden in Buchenwald umgebracht.

Ab 1942 entwickelten sich die deutschen Konzentrationslager von Zwangslagern für politische Gegner zu Arbeitslagern für die deutsche Kriegsindustrie. Infolgedessen formierte sich in Buchenwald mit der Zeit unter dem Druck der in verschiedenen Außenlagern und Außenkommandos durchgeführten streng geheimen Rüstungsproduktion eine Gruppe fachlich gut ausgebildeter Gefangener. Dass dieser Häftlingsgruppe meist politisch gebildete Gegner des Naziregimes angehörten, machte einen wirksameren Zusammenschluss mit dem Ziel eines langsam, aber stetig wachsenden Widerstandes gegen die SS erst möglich. Die Solidarität unter den Häftlingen wuchs über die alten Parteibekanntschaften der eingelieferten Kommunisten. Ein erster antifaschistischer Kern entwickelte sich bis 1939 unter der Leitung von Walter Stoecker, Albert Kuntz und Theodor Neubauer.³ Seit 1939 wurde die Zusammenarbeit mit den ausländischen Häftlingen vorangetrieben. Das alles verlief nicht reibungslos, trafen doch hier von den Nazis Überfallene auf Deutsche. Dass es auch andere Deutsche als die SS gab, musste erst bewiesen werden, und ein roter Winkel, wie ihn die politischen Häftlinge tragen mussten, war noch kein Ausweis für Freundschaft. Zudem gab es auch unter den ausländischen Häftlingen Feindschaften, etwa zwischen Polen und Russen sowie Ukrainern. Des weiteren mussten die sprachlichen Hürden überwunden werden. 1943 fand die erste illegale Zusammenkunft von Vertretern der internationalen Gruppen statt. Das war die Geburtsstunde des illegalen internationalen Lagerkomitees.

Mit aller Härte
Mit den 250.000 Häftlingen und ihren SS-Bewachern kamen auch alle denkbaren negativen menschlichen Eigenschaften ins Lager: Neid, Missgunst, Niedertracht und Verrat. Diebstähle waren an der Tagesordnung, auch Morde gab es. Niemand hat je behauptet, dass die nach Buchenwald Verschleppten ausschließlich das Gute verkörperten. Zudem war es das Ziel der SS, alle positiven menschlichen und moralischen Eigenschaften der Häftlinge zu vernichten. Zu diesem Zweck bediente sie sich der »Berufsverbrecher« (BVer), vorbestrafte Kriminelle, die einen grünen Winkel an ihrer Häftlingskleidung trugen. Ihnen wurde 1937 von der SS die Häftlingsselbstverwaltung übergeben. Sie waren damit buchstäblich der verlängerte Arm der Nazis. Eugen Kogon, ehemaliger Buchenwald-Häftling und nach 1945 mit »Der SS-Staat« Verfasser einer der ersten Überblicksdarstellungen über das KZ-System der Nazis, schrieb dazu:

»Der Kampf um die Selbsterhaltung der antifaschistischen Kräfte hatte zur Voraussetzung, dass die Macht im Lager unter allen Umständen eindeutig in den Händen der politischen Häftlinge lag. (…) Aus keinen anderen Gruppen heraus ist jemals der Versuch unternommen worden, die interne Lagerleitung in die Hand zu bekommen, als aus den Reihen der Politischen und der BVer. Die Gründe waren bei den Roten klar, bei den Grünen alles andere als politisch: Sie wollten freie Bahn für ihre gewohnten Praktiken haben – für Korruption, Erpressung, materielle Besserstellung.«⁴

Dieser Satz verdient besondere Beachtung, weil heute »moderne« Historiker die hier von Kogon den Kriminellen zu Recht angelasteten Motive den kommunistischen Häftlingen unterstellen. Dass das Handeln der Illegalen auch von Fehlern und Irrtümern begleitet war, sei dabei unbenommen, es ist menschlich.


Der Kampf der Politischen gegen den Terror der Kriminellen wurde mit aller Härte bis hin zur Tötung von Spitzeln und Verrätern geführt. Aus heutiger Sicht »rechtsstaatliche« oder moralisierende Maßstäbe an damaliges Handeln anzulegen, ist nicht nur abwegig, sondern auch überheblich und unterschlägt, dass sich das »Rechtssystem« der inneren Häftlingsselbstverwaltung unter dem Druck der äußeren absoluten Rechtlosigkeit des Herrschaftssystems der SS herausbilden musste. Dadurch luden natürlich alle verantwortlichen Häftlinge eine ungeheure moralische Verantwortung auf sich. Aber welche Alternative hatten sie?

1938 musste die SS schließlich politische Häftlinge als Lagerfunktionäre einsetzen. Mit einer aus Kriminellen gebildeten Häftlingsselbstverwaltung waren die anstehenden Aufgaben der Rüstungsproduktion nicht zu lösen. Nach einem misslungenen Versuch der »Grünen«, die Macht erneut zu erobern, wurde der innere Machtkampf 1942 endgültig zugunsten der »Roten« entschieden. Die schlimmsten unter den Kriminellen wurden entweder von den Häftlingen oder von der SS getötet. Auch der ILK-Bericht verschweigt das nicht: »(…) hatte diese Aktion bei den BVern eine Dezimierung der schlechten Elemente gebracht, so dass sich jetzt auch in diesen Blocks die positiven Elemente durchsetzen konnten. Manches gemeinsame Handeln (mit den Grünen!, G. P.) wurde damit ermöglicht«.⁵

Es mag sein, dass die näheren Umstände der Befreiung des KZ Buchenwald nach 1949 in der DDR heroisiert worden sind, aber verschwiegen wurde der Beitrag der US-Amerikaner daran nicht. Wenn man, wie das heute geschieht, schon aus ideologischen Gründen verbissen darum kämpft, den Anteil der Häftlinge an der Befreiung des Lagers zu schmälern oder gar die Selbstbefreiung gänzlich zu leugnen, um damit umgekehrt die »Befreiung« durch die Amerikaner zu heroisieren, sollte man aber doch wenigstens eingestehen, dass das Lager am 11. April 1945 formell eigentlich von nur zwei Angehörigen der US-Armee befreit worden ist: von Sergeant Paul Bodot und Oberleutnant Emmanuel Desard, zwei Aufklärern, die auf einem Feld außerhalb des Lagers auf einen Trupp bewaffneter Häftlinge stießen, die dort Gefangene bewachten. Vom Leiter dieses Trupps, einem Belgier, wurden die beiden US-Soldaten anschließend ins Lager geführt.⁶ Die beiden nächsten US-Amerikaner, die das Lager erreichten, waren Egon W. Fleck, ein Zivilist, und der Nachrichtenoffizier für psychologische Kriegführung Edward A. Tenenbaum. Auch sie bestätigen in einem am 24. April 1945 verfassten Bericht, dass das Lager von bewaffneten Häftlingen besetzt war, die bereits 125 SS-Männer gefangengenommen hatten.⁷

Dass die Häftlinge den Kampf gegen die verbliebenen Wachmannschaften erst aufnahmen, als Chancen für einen Sieg bestanden, hatte natürlich auch etwas mit der Nähe der amerikanischen Truppen zu tun. Schon am 12. April 1945 fand der erste Freiheitsappell statt, aber erst am 13. April übernahm die 3. US-Armee unter dem Kommando von General George S. Patton die Verwaltung des Lagers. Eilig hatte es Patton – ein ausgewiesener Antisemit, der im September 1945 in seinem Tagebuch festhielt, »die Juden stehen unter den Tieren«⁸ – mit der Befreiung des Lagers nicht. Überhaupt hätte er lieber gemeinsam mit den Deutschen gegen die Sowjetunion gekämpft.⁹

Es gelang den KPD-Genossen bereits am Abend des 2. Juli – also noch unter den Augen der abziehenden US-Amerikaner – in der Druckerei der ehemaligen Gauzeitung in der Weimarer Bahnhofstraße die erste Nummer der Thüringer Volkszeitung zu drucken. Sie wurde am Morgen des 3. Juli 1945 in einer Auflage von 80.000 Exemplaren ausgeliefert.¹⁰ Spiritus rector dieser Aktion war Paul Hockarth.¹¹ Vermutlich wurde in dieser Druckerei zur selben Zeit, ohne Einband und ohne Vorwort, auch die erste Auflage des Berichtes des internationalen Lagerkomitees gedruckt.

Die falsche Linie
Die letzte Auflage des ILK-Berichts erschien im Jahr 1946. Dann versank die Schrift in den Tiefen der politischen Giftschränke der DDR.¹² Bald schon setzten die 1933 nur scheinbar unterbrochenen Auseinandersetzungen innerhalb der KPD sowie zwischen KPD und SPD wieder ein, noch verschärft durch die Teilung Deutschlands in verschiedene Besatzungszonen. Viele der »Buchenwalder« wurden Opfer von »Parteisäuberungen«, die mehrfach und trotz anschließender Rehabilitation zum Verlust ihrer Positionen und ihrer politischen Reputation führten. Waren die sowjetischen Organe beteiligt, waren die Folgen oft noch gravierender. Das Schicksal Ernst Busses wurde schon erwähnt. Gleiches widerfuhr dem Lagerältesten von Buchenwald, Erich Reschke. Er wurde 1951 von sowjetischen Staatsorganen als Kriegsverbrecher zu lebenslänglicher Haft verurteilt und saß fünf Jahre im Arbeitslager in Workuta, bis er im Oktober 1955 entlassen und anschließend rehabilitiert wurde. Georg Krausz, der perfekt russisch sprach, wurde im Mai 1945 wegen des Verdachts der Spionage für die US-Amerikaner vom NKWD festgenommen und kam schließlich über mehrere deutsche NKWD-Lager zurück nach Buchenwald, wo sich mittlerweile das sogenannte Speziallager 2 befand. Selbst dem Vorsitzenden der SED, Wilhelm Pieck, gelang es nicht, ihn freizubekommen. Erst Robert Siewert, ein anderer Buchenwalder und mittlerweile Innenminister von Sachsen-Anhalt, »befreite« das Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Ungarns 1948 aus dem Zuchthaus Torgau.¹³ Und Harry Kuhn, ehemaliges Mitglied der illegalen Lagerleitung und seit 1949 Generalsekretär der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), wurde 1951 »wegen mangelnder Wachsamkeit gegenüber Parteifeinden« aller Ämter enthoben.

Was wussten die Buchenwalder Kommunisten von der aktuellen Moskauer Linie? Auf den Ettersberg kam keine Post von der Parteizentrale, und auch Kuriere wurden nicht ins KZ geschickt. Radio Moskau, das von den Häftlingen regelmäßig gehört wurde, überbrachte ebenfalls keine Botschaften der KPD-Führung. Zumindest wurden sie – viele von ihnen schon seit 1933 in Haft – von später festgenommenen Genossen über die Beschlüsse der Brüsseler Konferenz vom Oktober 1935, bei der die KPD von der Sozialfaschismusthese abrückte, in Kenntnis gesetzt. So waren sie nicht gezwungen, im Lager zuerst gegen die »Sozialfaschisten« – wie man die SPD-Mitglieder vor 1935 nannte – und dann erst gegen die SS zu kämpfen. Dass sie es sogar unter den Bedingungen des Lagers erreichten, ein Volksfrontkomitee zu schaffen, erwies sich allerdings später als politisches Problem.

Die von Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg mit deutlich antisemitischen Tönen initiierten Prozesse u. a. gegen Noel Field¹⁴ und viele andere aufrechte Kommunisten führten zeitweilig zum fast völligen Ausschalten der Westemigranten aus dem politischen Leben der DDR. Im Prozess gegen Rudolf Slansky¹⁵ wurde auch der ehemalige Buchenwaldhäftling Josef Frank, Vertreter der tschechoslowakischen Genossen im ILK und nach 1945 stellvertretender Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, zum Tode verurteilt und hingerichtet; man warf ihm vor, in Buchenwald mit der SS kollaboriert zu haben.

Im Zuge der Affäre um Noel Field fand am 29. Mai 1953 eine »Befragung« Walter Bartel durch die Zentrale Parteikontrollkommission statt.¹⁶ Das Gespräch mit dem ehemaligen Vorsitzenden des illegalen Lagerkomitees in Buchenwand glich eher einem Verhör. Im Grunde genommen wurde Bartel, seit 1946 persönlicher Referent von DDR-Präsident Wilhelm Pieck, der Vorwurf gemacht, dass »die politische Linie im KZ prinzipiell falsch war«.¹⁷ Das war keine unglückliche Formulierung übereifriger Vernehmer, das war die von oben vorgegebene Linie der Untersuchung. Bartel kam mit einer »Versetzung« in eine Funktion außerhalb des Parteiapparates – er war später als Historiker an der Universität Leipzig tätig – davon. Erst 1959 konnte er sein Lebenswerk abschließen: »Buchenwald – Mahnung und Verpflichtung«. Der Titel war sicher nicht nur an die Nachgeborenen gerichtet, sondern auch an die Häftlinge, die das Lager überlebt hatten.

Jenseits der Parteibrillen
Der eingangs zitierte Bericht des Illegalen Lagerkomitees beschreibt eindrücklich, dass sich der Widerstand in Buchenwald und die Solidarität unter den Häftlingen nur jenseits der in den 1920er Jahren herausgebildeten Spaltungen und Unvereinbarkeitsbeschlüsse entwickeln konnte, dass Religion und Nationalität in Buchenwald keine Rolle spielten. Walter Bartel bekräftigte diese Einstellung nochmals nachdrücklich auf dem Buchenwaldtag am 11. April 1948: »Wir haben uns unseren Kampf nicht durch Parteibrillen oder Dogmen führen lassen. Wir fragten nur eines: Bist du bereit, mitzukämpfen, dann sei unser Mitstreiter. Bist du bereit mit uns zu handeln, dann komm zu uns. Uns interessiert nicht, welcher politischen Auffassung, welcher Weltanschauung du außerhalb des Zaunes oder außerhalb der Kampfbereitschaft warst. Daraus ergeben sich für uns damals und heute sehr ernsthafte Schlussfolgerungen.«¹⁸

Anmerkungen:

1 SAPMO-BArch, IV 2/4/375, Bl. 15–18, zit. n. Lutz Niethammer (Hg.): Der »gesäuberte« Antifaschismus, Berlin 1994, S. 322; Konzentrationslager Buchenwald (Bericht des internationalen Lagerkomitees Buchenwald), Weimar. Thüringer Volksverlag [1946] (im folgenden: ILK-Bericht)

2 Klaus Drobisch: Widerstand in Buchenwald, Berlin 1987, S. 13 ff.

3 Walter Stoecker (1891–1939), KPD-Reichstagsabgeordneter, Buchenwald 1937–1939, dort von der SS ermordet; Albert Kuntz (1896–1945), KPD, preußischer Landtagsabgeordneter, Buchenwald 1937–1943, 1945 im KZ Mittelbau-Dora ermordet; Theodor Neubauer (1890–1945), Historiker, Pädagoge, Mitglied des ZK der KPD, Buchenwald 1937–1939, entlassen, illegale Arbeit, 1944 verhaftet, in Brandenburg-Görden am 5. Februar 1945 hingerichtet

4 Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, hg. v. David A. Hackett, München 1997, S. 113

5 ILK-Bericht, S. 132 f.

6 Ulrich Peters: Wer die Hoffnung verliert, hat alles verloren. Kommunistischer Widerstand in Buchenwald, Köln 2003, S. 412 u. Emil Carlebach: Tote auf Urlaub. Kommunist in Deutschland. Dachau und Buchenwald 1937–1945, Bonn 1995, S. 197 f.

7 Modern Military Archives, Washington, 4. armoured division, 604-2.2, daily reports, June 1944–May 1945, abgedruckt in: Carlebach: Tote auf Urlaub, a. a. O., S. 9

8 https://foreignpolicy.com/2010/06/25/patton-the-anti-semite-and-hypocrite; Jonathan D. Sarna: American Judaism. A History, New Haven 2004, S. 266

9 Alan Axelrod: Patton. A Biography, London 2006, S. 165 f.

10 Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg? Sozialdemokraten und Kommunisten in Thüringen 1919 bis 1949, Köln/Weimar/Wien 2011, S. 273

11 Paul Hockarth (1902–1974), Schriftsetzer, vor 1933 Leiter der KPD-Druckerei in Erfurt, nach 1949 Direktor der VOB Zentrag (Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft mbH)

12 In der Bibliothek des Bundesarchivs existiert neben jüngeren Auflagen des ILK-Berichts (Thüringer Volksverlag) nur ein einziges Exemplar des Berichts aus der Thüringer Druckerei-Verlags G. m. b. H. Weimar mit der Signatur: BArch, ZBG: XIII 8215

13 Die späte Heimkehr des Robert Zeiler. Erlebnisbericht. In: Antifaschistischer Widerstandskämpfer 12/1989, https://kurzelinks.de/spaete-heimkehr

14 Noel Field (1904–1970), US-amerikanischer Kommunist, arbeitete als Informant für den sowjetischen Geheimdienst GPU und später den NKWD. Seine erpressten Geständnisse über ein angeblich von ihm geleitetes US-Spionagenetzwerk in Osteuropa machten ihn nach 1949 zur Schlüsselfigur der Schauprozesse und innerparteilichen »Säuberungen« in den volksdemokratischen Ländern.

15 Rudolf Slansky (1901–1952), Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, 1952 wegen der Leitung eines »staatlichen Verschwörungszentrums« zum Tode verurteilt und hingerichtet

16 Befragung Walter Barthel, 29.5.1953, SAPMO-BArch, ZPA IV 2/4/282, Bl. 111 ff.

17 Ebd.

18 Buchenwald-Archiv Weimar, 011–6

Günter Pelzl (Jg. 1948) ist promovierter Chemiker. Er war hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit und dort zunächst in der Abteilung »Geheimschriften und Markierungen«, dann in der Abteilung »Analyse und Reproduktion von Dokumenten« tätig. Einer seiner ihn prägenden Vorgesetzten war der Buchenwald-Häftling Richard Großkopf (1897–1977). Günter Pelzl schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. Juni 2018 über Sonia Combes Studie »Ein Leben gegen ein anderes. Der ›Opfertausch‹ im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte«.